Meine 50 Jahre Rennrad-Geschichte
0der: Von den Quantensprüngen im Rennradsport.


Anmerkung zum Bild: Am Anfang ein Bild vom Ende meiner kurzen Rennrad-Geschichte

 
Hermann S.




 
 
 
Meine Ausbildung in der Autobranche machte es mir leicht mein erworbenes technisches Wissen in der Radtechnik anzuwenden. Hinzu kam meine Neugier für technische Dinge. Hierdurch hatte ich die Möglichkeit viele Rennräder (und auch Mountainbikes) zu fahren. Es waren nicht immer komplett neue Räder. Oftmals war es ein neuer Rahmen bestückt mit gebrauchten Komponenten.
1964   Als alles begann.
Meinen ersten Kontakt zum Radsport hatte ich schon mit 15 Jahren (1964), als ich mit meinem Hera-Halbrenner (von der Firma Hegendörfer) beim RC50 Erlangen schon kleine Jugend-Vereinsrennen bestritten habe. Den notwendigen Rennlenker habe ich damals wegen Geldmangel selbst umgebaut. Zu erwähnen wäre hier noch, dass das Rad eine 4-Gang-Sachs-Huret-Gangschaltung besaß. Das Geld im Elternhaus war zu dieser Zeit noch nicht so locker, von einer richtigen Radel-Kleidung konnte ich nur träumen. Nach 2 Jahren wuchs in mir das Interesse zur Leichtathletik und irgendwann rief mich der Staat zur Bundeswehr. Radfahren aber blieb immer mein Ding.
1971
Als das Geld lockerer wurde, d.h. man hatte selbst verdientes Geld zur Verfügung, kaufte ich mir 1971 mein erstes richtiges Rennrad. Es war von der Marke Peugeot. Auch dieser Renner hatte immer noch eine 5-fach-Kettenschaltung. Die Schaltung selbst war noch antik, die Rasterschaltung war noch nicht erfunden worden. Damit die Kette keine Geräusche erzeugte, musste in den Fingern Feingefühl vorhanden sein. Helme gab es noch nicht, man hatte bei Rennen Lederringe, sogenannte Pseudo-Sturzringe. Die Füße steckten in Hakenriemen-Pedalen und an den Rennschuhen mussten die Fußplatten mit Nägeln eigenhändig mittels Schablonen befestigt werden. Diese Technik war bis in die Mitte der 80ger Jahre stand der Technik. Was sich lediglich mit den Jahren änderte war die Anzahl der Zahnkränze am Hinterrad. Das Peugeot war für viele Jahre meine große Leidenschaft. Rennradkleidung konnte ich mir leisten, aber es war alles aus Baumwolle gefertigt. Bei Regenfahrten und durch Schweiß hing es schwer am Körper. Die Ansprüche an sich selbst wurden mit der gewonnen Fitness und  mit den Jahren größer. Ein Verein musste her, man brauchte, um sich richtig messen zu können, eine Rennlizenz. Ich trat somit 1975 in den RC50 Erlangen ein. Verbunden war notwendigerweise meine erste richte teure Profimaschine.
1975
Es war eine Bianchi bestückt mit der Campagnolo Superrekord. Ich habe meine ganzen Ersparnisse zusammengeklaubt, um die 2500 DM dem Fahrradhändler in Erlangen auf den Tisch zu blättern. Es brachte mir mein erstes richtiges  Stolzgefühl auf einem Rennrad. Das Radl gab schon etwas her. Die Schalttechnik war im Grunde noch konventionell, d.h. man brachte noch sein Fingergefühl, um die richten Zahnkränze zu treffen. An den Füßen war auch noch keine Veränderung eingetreten.
1984
Der nächste größere Quantensprung in der Radentwicklung kam 1984 mit der Look-Klickpedale.
In diesem Zeitraum tauchte auch der Name Shimano im Rennradsport auf, denn die Rasterschaltung war erfunden worden, genauer gesagt, Shimano kaufte das Patent von Suntour. Die ganze Rennrad-Entwicklung bekam man bei den Rennen sofort serviert, man schaute auf das Material seiner Konkurrenten links und rechts vor der Starterlinie.
Da staunte man nicht schlecht als die ersten Alu-Renner von Cannondale auftauchten. Man war einfach an Stahl gewöhnt, schmale graziöse Rahmen. Welch ein Schock, die Rahmen der Canondales hatten die Durchmesser einer Cola-Dose, das war nicht zu übersehen. Man schaltete inzwischen auch schon 8-fach.
Mit dem Namen Shimano nahm die Entwicklung der Radtechnik jetzt richtig Fahrt auf. Zu erwähnen ist hier die Hyperglide-Technik, man könnte plötzlich am Berg auch unter Last schalten. Der Wahrheit zu Liebe muss man sagen, dass diese Technik aus dem Boom der angehenden Mountainbike-Szene zu den Rennräder hinüber schwappte. Campagniolo hatte diesen rasanten Technikwandel einfach verschlafen bzw. den Trend der Zeit nicht richtig erkannt. Diese Aussage ist inzwischen nachhaltig korrigiert. Man kann heute nicht sagen wer der Favorite ist.
1990
1990 kaufte ich mir mein erstes Alu-Rad der deutschen Firma Müsing. Beeinflusst war ich durch den Erlanger Gerhard Dummert, er hatte 1990 in Hamburg auf so einem Rennrad die Deutsche Straßenmeisterschaft gewonnen. Die Alu-Räder waren gewichtsmäßig ein Quantensprung.
Und die meiner Meinung nach beste Radentwicklung kam 1990 wiederum durch Shimano auf den Markt, es war Brems-Schalt-Einheit am Lenker. Man war nicht mehr gezwungen die Hände vom Lenker zu nehmen. Die Sicherheit im Radsport hatte dadurch erheblich gewonnen.
2014
Das Carbon-Zeitalter,  das Mitte der 90ger Jahre begann, habe ich bewusst zur Seite geschoben. Hier wurde noch viel experimentiert, es war noch viel Luft nach oben vorhanden. Mein Interesse wuchs erst, als die Mufferei bei einem Carbon-Rahmen ein Ende hatte. Heute ist die Carbon-Technik im Radsport ausgereift und diese Rahmen besitzen eine gewisse Eleganz. Sie sind auch gesloopt und von der Geometrie auf den neuesten Stand gebracht. Dieses Design wirkt sich auch auf die heutigen Stahlräder aus. Und so fahre ich heute bei schönem Wetter mein Carbon-Rennrad mit dem neuesten E-Schalt-Technikstand und mit Hyadroscheibenbremsen. Ob ich meine Rennradgeschichte erweitern muss, wird die Zukunft zeigen.
Und hier komme ich zum Resumee des Ganzen. Wenn man etwas hat und kennt, möchte man es nicht missen. Aber man braucht es nicht. Das schönste Rennrad nützt ohne regelmäßiges Training und Kondition nichts.

Euer Radlerfreund
Hermann

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Und hier zu weiteren Artikeln von mir:

1)     Winter-/Allzweckrad
2)      Elektronische Schaltung
 
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Historie kurz gefasst
  1930 Die Kettenschaltung für Fahrräder wurde um 1930 (Gebrüder Nieddu ) erfunden.
  1938 Die Kettenschaltung mit 5-Gang-Modell „Tour de France“ kam 1938 auf den Markt.
  1946 kam dann die Campagnolo Corsa auf den Markt. Die Corsa revolutionierte das System der Kettenschaltungen, das Schalten während der Fahrt war möglich.
  In den 1980er Jahren kamen die ersten Indexschaltungen („Positron“ von Shimano und „Commander“ von Sachs).
  1984 brachte Shimano mit der „Dura Ace“-Schaltung eine erhebliche Verbesserung (mit dem Schrägparallelogramm von Suntour)
  1988 kam mit der „Hyperglide“-Zahnform von Shimano der nächste Innovationsschub und ermöglichte das Schalten sogar unter Last.
 
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