Studium und Co. sorgen dafür, dass der Reisebericht diesmal ein halbes Jahr zu spät kommt.

Die letzten Radreisen gingen vermehrt Richtung Norden, sodass wir uns entschlossen mal eine neue Himmelsrichtung auszusuchen. Auch eine lange Anreise wollten wir dieses Jahr vermeiden, sodass wir uns entschieden von Nürnberg aus zu starten. Eine Tour im Baltikum steht schon länger im Raum, jedoch wäre die Strecke zu weit gewesen und aufgrund von Corona machen es die vielen Ländergrenzen in der Planung schwierig, da sich die Einreisebedingungen zu schnell ändern könnten.

So entschlossen wir uns kurzerhand die Hauptstadt Polens zu bereisen.

 

Nürnberg Warschau (1047 km, 9221 Hm, 16.08.2021 – 30.08.2021)

Auch von dieser Reise gibt es einen kleinen Videoclip mit Bewegtbildern untermalt mit schöner Musik:

 

Tag 1: Nürnberg – Weiden (105km)

Auf ausgefahrenen Wegen rund um Nürnberg starten wir die erste Etappe nach Weiden. Durch den Regen am Vorabend ist es eher schwül, jedoch angenehm warm. Die Wärme haben wir uns rückwirkend an so manchem Tag noch gewünscht.

 

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Nach Hersbruck verlassen wir die Pegnitz und fahren in das traumhafte Hirschbachtal. Sogar der Wind ist an diesem Tag auf unserer Seite, was dafür sorgt, dass die Etappe wie im Flug vergeht.

 

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Wie viele Leute diesen Hebel wohl schon gedrückt haben. An manchen Orten scheint die digitalisierte Welt noch nicht angekommen zu sein.

 

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In Weiden gehen wir in eins der überraschend vielen Straßenlokale und essen ein letztes Mal auf deutschem Boden zu Abend. Am späten Abend kommt dann noch das angekündigte Gewitter, welches die Temperaturen fallen lässt.

 

Tag 2: Weiden - Sokolov (91km)

Wir starten bei eher trüben und kaltem Wetter Richtung Waldsassen. Dort wollen wir die Grenze zu Tschechien passieren.

 

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Ein schönes Baumhaus steht auf dem Weg dorthin

 

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Auf einem Stück gut ausgebauten Bahnradweg geht’s ins Nachbarland. Leider hört dieser Weg schon wenige Kilometer nach der Grenze auf und wir sind auf holprigen Schotterwegen unterwegs.

 

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Eine Weide mit Straußen sieht man auch nicht alle Tage.

 

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Die Stadt Sokolov ist geprägt vom Plattenbau und damit bis auf die schöne Häuserfront am Markplatz wenig einladend. Unser Hotel hingegen war modern und günstig.

 

Tag 3: Sokolov – Kovarska (64km)

Die Etappe ist zwar kilometermäßig sehr kurz, jedoch geprägt von vielen Höhenmetern. Wir fahren zunächst durch Bergbaugebiete, welche zwar auf der Karte riesig aussehen, man auf Waldwegen jedoch nicht viel von sieht. Mal haben wir Glück und fahren auf einer ruhigen Asphaltstraße, mal eher Pech und erwischen einen sehr schlechten Schotterweg. Die Routenplanung dieser Etappe hätte man rückblickend etwas besser gestalten können.

 

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Nach überwundener Schotterpartie kam uns auf freiem Feld ein Gewitter entgegen, was glücklicherweise an uns vorbeizog. Wind und nasse Straßen bemerken wir dennoch.

 

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Muffelfurzteufel! Ein echter Hingucker im Wald.

 

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Kurz vor dem deutschen Ort Oberwiesenthal geht es noch einmal knackig bergauf und wir kommen in ein Skigebiet. So haben wir Aussicht auf den Keilberg und dem Fichtelberg. Bis zu unserer Unterkunft in Kovarska geht es auf den letzten Kilometern erst einmal ordentlich bergab und am Ende nochmal mit letzter Kraft einen Hügel hinauf.

 

Tag 4: Kovarska – Zinnwald (81km)

 

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Auch die vielen Berge konnten die gute Laune nicht drücken.

 

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Zinnwald liegt direkt an der tschechischen Grenze. Zum Abendessen gehen wir ins Nachbarland und finden eine urige Kneipe, in der es allerlei deftige Kost mit viel Käse gibt. Nach einem anstrengenden Tag genau das richtige.

 

Tag 5: Zinnwald – Rybniště (74km)

 

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Wir folgen zunächst einer Straße welche auf der deutsch-tschechischen Grenze verläuft. Alte Zäune aus früheren Zeiten sind auch hier noch zu sehen.

 

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Später geht es dann wieder in den Wald hinein. Diesmal auf schönen Asphaltstraßen mit wenig Autoverkehr. Es geht zwar häufig bergauf, jedoch gibt es dadurch auch hin und wieder eine schöne Abfahrt.

 

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Wäre das Wetter ein bisschen klarer gewesen, hätte man hier sicher einen noch schöneren Blick gehabt. Es lässt sich trotzdem die Hügellandschaft Tschechiens erahnen.

 

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Auch die Ausläufer des Elbsandsteingebirges sind eindeutig zu erkennen.

 

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Die Abfahrt nach Děčín an der Elbe war sehr lang und gleichmäßig, sodass die ca. 10 km wie im Flug vergingen. In der Stadt haben wir uns Mittagessen gekauft und sind dabei mit einem anderen Radreisenden ins Gespräch gekommen. Dieser ist in München gestartet und über Prag nach Dresden gefahren. Auch er hatte zeitweise mit hartnäckigen Schotterpisten zu kämpfen, an denen ein geschnalzter Stein sogar seinen Schuhverschluss zertrümmerte.

 

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Unsere heutige Pension liegt einsam in einem Dorf, dennoch gibt es gutes Gulasch zum Abendessen. Leider sind die Betten ein wenig hart.

 

Tag 6: Rybniště - Swierdow-Zdroy (74km)

An diesem Tag radeln wir durch drei Länder. Nachdem wir in Zittau eingekauft haben, radeln wir zum Dreiländereck und essen dort zu Mittag. Bis auf ein paar Fahnen ist dieser Ort jedoch nicht sonderlich spektakulär.

 

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Nach überqueren der polnischen Grenze änderte sich zunächst nicht viel, jedoch sind auf der grenznahen Straße viele Raser unterwegs. Die Sorge, dass wir in Polen ein größeres Problem mit dem Verkehr haben, bewahrheitet sich aber nicht. Gerade im ländlichen wird deutlich mehr Rücksicht auf Fahrradfahrer genommen als in Deutschland. Manche Polen hupen, um ihren Überholvorgang anzukündigen, jedoch nicht um die Radfahrer von der Straße zu scheuchen.

 

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Auch direkt hinter der Grenze befindet sich das Braunkohle Abbaugebiet Turow. Ende September hat der Europäische Gerichtshof, aufgrund einer Klage Tschechiens, Polen zu einer täglichen Geldstrafe von 500.000€ verpflichtet, da der Abbau negative Auswirkungen auf Umwelt des Nachbarlands habe. Polen plant jedoch den Abbau bis 2044 fortzuführen und den Tagebau entsprechend auszuweiten.

 

Tag 7: Swierdow-Zdroy – Swidnica (110km)

Die Höhenmeter werden nun deutlich weniger, wirklich flach wird es jedoch erst nach Breslau werden. So radeln wir durch den Süden Polens.

 

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In Swidnica haben wir das Glück, dass in unserem Hotel ein gut anmutendes Gasthaus angegliedert ist. Nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten haben wir glücklicherweise auch das bestellt, was wir uns mittels Google Übersetzter von der Karte ausgesucht haben. Dass der Spieß für zwei Personen so groß wird, haben wir bei einem Preis von umgerechnet 12€ nicht erwartet. Die Vorspeise hätte man sich sparen können.

 

Tag 8: Swidnica – Breslau (71km)

Wir freuen uns nach langer Fahrt auf eine neue große Stadt und auf einen Ruhetag, den wir für eine ausgiebige Stadtbesichtigung nutzen können. Die Einfahrt in die Stadt ist relativ entspannt. An den meisten Straßen gibt es Radwege und es herrscht normaler Stadtverkehr.

 

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Am Nachmittag checken wir nach der Ankunft zunächst in das Hotel ein. Der Rezeptionist nimmt uns direkt die Räder aus der Hand und rollt sie wie selbstverständlich in das Kofferzimmer. Ein Service, den man eigentlich nur im gehobenen Milieu erwartet.

 

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Absolut sehenswert erschien uns die Jahrhunderthalle. Die Fahrt mit der Straßenbahn dorthin gestaltet sich sehr einfach. Anders als in den nordischen Ländern gibt es noch an fast jeder Haltestelle einen Ticketautomat. Und mit umgerechnet 70 ct pro Einzelfahrt zögert man nicht lange und nimmt den ÖPNV.

 

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Die langen Schlangen vor den Bäckereien waren verlockend, sodass wir uns auch angestellt haben. Diese etwas dürren Brezen scheinen wohl eine Spezialität zu sein. Geschmeckt haben sie so, wie sie aussehen.

 

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Ein Blick auf den Marktplatz

 

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Auch abends ist die Stadt durchaus belebt. So schauen wir noch einem Feuerspucker zu, welcher große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Lustigerweise sehen wir genau diese Show von ihm auch in Warschau ein zweites Mal.

 

Tag 9: Breslau – Ostrzeszów (82km)

Mit schweren Beinen starten wir zum Endspurt und den letzten vier Etappen. Schon im Vorfeld war uns klar, dass sich hier landschaftlich nicht mehr viel tut. So ist es zumindest eben und man kann gut Strecke machen. Die Landschaft ist geprägt von vielen Feldern und Höfen.

 

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Ob dieses Auto wohl in Deutschland TÜV bekommen hätte…

 

Tag 10: Ostrzeszów – Lask (117km)

 

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Auch die Züge sehen in Polen ein bisschen anders aus.

 

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Abseits der Straße sind die Wege oft richtig schlecht. Ein Waldweg, der aus einer 5 km langen Sandpiste besteht, macht einfach keinen Spaß zu befahren. Eine Mischung zwischen Schieben und im Grad nebendran fahren ist die einzige Möglichkeit. Neben der weinenden Tourbegleitung fängt die Kette ebenfalls das Weinen an.

 

Tag 11: Lask – Skierniewice (100km)

 

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Für jedes Auge ein Schild…

 

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Die meisten Leuten kennen den deutschen Schilderwald. Es gibt jedoch auch die polnische Version davon. Gut waren die Radwege dennoch nicht, so fuhren wir des Öfteren dann doch auf der Straße.

Am Land kommen wir an vielen Bauernhöfen und Landhäusern vorbei. Nahezu jedes Anwesen hat auch seinen dazugehörigen Hofhund. Während die einen fest angeleint sind und nur bellen, gibt es auch welche, die einfach nur schlafen. Dann gibt es noch den unangeleinten Hund, der es lustig findet, Radfahrer zu jagen. Leider hatten wir das ein oder andere Sprintduell, wobei das schnelle Wegfahren oft das Gegenteil bewirkt, sodass die Viecher noch aggressiver werden. Entspannt bleiben und laute Worte sind die beste Abwehr.

 

Tag 12: Skierniewice – Warschau (93km)

Endspurt ist angesagt. Nur noch 93 km trennen uns von unserem Ziel. Der Morgen ist wie immer etwas grau und auch die Aussicht auf hübsche Landschaften ist nicht vorhanden. Das Ziel vor Augen lässt dennoch die Motivation nicht schwinden.

 

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Von der Einfahrt nach Warschau sind wir beeindruckt. Nach vier Tagen flachem Land und Bauernhöfen sehen wir das erste Mal große Wolkenkratzer. Auch die Radwege werden auf einmal komfortabel breit, sodass wir ohne Verkehrsstress an unserem Hotel ankommen. Dieses liegt in der Nähe vom Bahnhof, was uns die Rückreise ein wenig erleichtert.

 

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1940 begannen die Nationalsozialisten die in Warschau und im Umland lebenden Juden in das Warschauer Ghetto zu deportieren. In menschenunwürdigen Zuständen lebten hier bis zu 450.000 Menschen auf engsten Raum. Im Museum des Warschauer Aufstands sind auf einer langen Granitmauer alles verstorbenen Juden aufgelistet.

 

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Auf der Rückseite dieser Mauer wird mit Bildern an die Schande der Nationalsozialisten erinnert.

 

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Das letztes stehende Gebäude des Warschauer Ghettos. Das ganze Viertel ist inzwischen neu aufgebaut und besteht aus modernen Hochhäusern. Denkmäler und ein neues Gebäude aus Ziegeln erinnern an die damals schreckliche Zeit.

 

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Geprägt hat das deutsch-polnische Verhältnis auch der historische Kniefall von Willy Brandt. Mit dieser Geste bittet er um Vergebung für das Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

 

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Die Linie T fährt immer am Wochenende und besteht ausschließlich aus historischen Straßenbahnen. Wir haben das Glück, dass die Routenführung dieser Linie uns genau zu unserem Hotel bringt. So erleben wir auch noch eine historische Straßenbahnfahrt.

 

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Wir habe noch eine Tageskarte für den ÖPNV und haben die Möglichkeit genutzt, um an die Weichsel zu fahren. Hier steht die in Reiseführern beworbene Warschauer Seejungfer. Wir haben mal ein Foto gemacht und sind ein Stück an der Flusspromenade entlanggelaufen.

 

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Das deftige Essen zu günstigem Preis mit einigermaßen gutem Bier ist ein Pluspunkt Polens. Auch, dass das Wetter wieder wärmer geworden ist, sodass wir unter freiem Himmel Essen können, stärkt die Urlaubsstimmung.

 

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Viele Menschen trugen ein Eis in der Hand. Also haben wir uns auch eins gekauft. Mit italienischem ist es jedoch nicht vergleichbar gewesen.

 

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Auch die Abende in Warschau sind lau. Viele Menschen sind auf der Straße und es gibt ein schönes Flair. So schlendern wir noch ein bisschen durch die Altstadt und hören einer Musikgruppe zu.

 

Heimreise

Den Zug haben wir im Vorfeld im Reisebüro gebucht, da es online nach wie vor unmöglich ist eine grenzüberschreitende Bahnfahrt mit Fahrrad zu buchen. Zum Glück haben wir vor der Abfahrt nochmal in den Online-Reiseplaner geschaut, da unser Zug auf einmal eine Stunde früher, als auf der gedruckten Karte stand, fuhr.

 

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So radelten wir in aller Frühe zum Bahnhof und verladen unsere Räder in den IC. Noch ein andere Radreisender steigt ein und wir unterhalten uns über das erlebte.

 

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In Berlin angekommen haben wir circa 3h Aufenthalt. Die Zeit nutzen wir, um vom Bahnhof zum ZOB zu fahren (natürlich im strömenden Regen). Auf dem Weg dorthin queren wir einmal das Regierungsviertel und kaufen uns noch eine Curry-Wurst. Verglichen zu den großen Städten in Polen fällt uns auf, dass in Berlin die Straßen deutlich dreckiger sind. In jeder Ecke liegt Müll und es stinkt. Gerne wären wir mit dem Zug weitergereist, aber es war schon alles ausgebucht. Das Sauwetter hält natürlich die ganze Fahrt an, sodass unsere Räder straßenstaubgebadet in Nürnberg ankommen. Zum Glück haben wir Kettenöl dabei, da das Mahlen der Kette unaushaltbar war. So geht eine weitere Radreise zu Ende mit vielen neuen Eindrücken.

In der Zeit, in der ich diesen Bericht schreibe, blickt man ganz anders auf die Reise zurück. Mein Ziel war es immer durch das Baltikum bis nach Sankt Petersburg zu radeln. Das dies aufgrund von Krieg nicht mehr möglich sein sollte, schien mir bis dato unmöglich. Polen ist nun Auffanglager für Millionen Flüchtlinge geworden und im Nachbarland fallen Bomben. Man kann nur hoffen, dass dieser schreckliche Zustand bald wieder vorbei sein wird.

Und noch der Track:

 

Link:

https://www.alltrails.com/explore/recording/1-1-nurnberg-warschau-luckenlos-4b3acf4?u=m

Daniel

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